Marketing mit dem Deutschlandstipendium – oder warum Totgesagtes womöglich doch länger lebt

Nun ist es also da.

Zwar machen bisher nicht alle Hochschulen mit. Aber auf zahlreichen Hochschulwebsites findet man bereits Aufforderungen an Studierende, sich dafür zu bewerben: Das “Deutschlandstipendium”, das Studierende mit 300 Euro pro Monat fördert , “deren Werdegang herausragende Leistungen in Studium und Beruf erwarten lässt”. Jeweils die Hälfte der Summe stellen private Förderer zur Verfügung, die andere  Hälfte kommt aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). Zu seiner Bekanntmachung hat das BMBF etwa 2,7 Millionen € für Marketing-Maßnahmen, u.a. eine sehr anschauliche Website, ausgegeben.

Für wen ist es gedacht?

Natürlich haben Stipendiaten exzellente Noten an Schule und Hochschule vorzuweisen, engagieren sich über das Studium hinaus sozial und / oder politisch, repräsentieren ihre Hochschule … also alles in allem diejenigen, die bei potenziellen Förderern Vertrauen erwecken und in ihren Augen Eloquenz und wissenschaftliche Exzellenz miteinander verbinden. Zwei große Fragen begleiteten die Enführung des Deutschlandstipendiums:

  • Welche Faktoren werden eine Rolle bei der Vergabe der Stipendien an den Hochschulen spielen?
  • Wird die ohnehin schon festzustellende “Reproduktion der Elite” an den Hochschulen durch das Deutschlandstipendium noch verstärkt?

Wie wird es vergeben?

Was die Frage der Vergabekriterien angeht, ist zunächst zu bemerken: Den Hochschulen wird lediglich ein gewisser Rahmen vorgegeben. So soll “das Bewerbungs- und Auswahlverfahren die gesamte Persönlichkeit der Bewerberin oder des Bewerbers berücksichtigen”. Hierzu können Schul- und Studienleistungen sowie das außeruniversitäre Engagement im kulturellen und sozialen Bereich oder besondere Leistungen im persönlichen Umfeld – etwa die Pflege von Angehörigen oder die Erziehung von Kindern – gehören. Innerhalb dieses Rahmens ist es Sache der Hochschulen, Vergabekriterien und -verfahren für die von ihnen eingeworbenen Stipendien festzulegen (siehe z.B. FAQ für Förderer an der Uni Stuttgart).

In der Praxis zeigt sich jedoch an vielen Hochschulen, dass aus schierem Mangel an Zeit eine umfassende Bewertung der Bewerbungen ausbleibt und oft fast ausschließlich Schul- und Studienleistungen – dokumentiert in Zensuren - ausschlaggebend für die Vergabe sind. Besonders soziale und kulturelle Leistungen der Bewerber/-innen werden unzureichend in den Auswahlprozess mit einbezogen.

Förderern selbst ist es nicht möglich, Stipendiaten direkt auszuwählen. Sehr wohl aber können Förderer Vorgaben machen, welche Profile zu fördern sind. So verfügt etwa die Deutsche Telekom, dass explizit Studierende der “MINT”-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) bedacht werden sollen. Die Rückmeldungen von Studierenden über die Vergabepraxis der Stipendien wie auch Einblicke aus den Hochschulen legen insgesamt eine tendenzielle Bevorzugung Studierender von Wirtschaftsstudiengängen und MINT-Fächern nahe.

Das ist für jede/-n Einzelne/-n bedauerlich, der/die Großes im Studium und darüber hinaus leistet, aber wegen des Studienfachs schlechte Chancen auf ein Stipendium hat. Den Unternehmen einen Vorwurf zu machen, weil sie vorwiegend oder ausschließlich Studierende in für sie relevanten Fachrichtungen fördern, erscheint jedoch absurd: Förderer dürfen mit gutem Recht ihren Beitrag als Investition in ihre Branche, ihr Interessensgebiet und/oder ihr Unternehmen betrachten – sonst würden sie nicht gemäß seiner Interessen handeln.

Umso wichtiger ist es, dass die Förderung von Studierenden entsprechend ihrer Bedürftigkeit nach dem BaFöG nicht durch das Deutschlandstipendium beeinträchtigt wird, wie im Fall der Streichung der Leistungskomponente bei den Rückzahlungsmodalitäten geschehen. Diese sorgte bislang dafür, dass den besten 30 % eines Abschlussjahrgangs ein Teil der Rückzahlung erlassen wird. Davon profitierten auch die leistungsstarken und bedürftigen Studierenden, die aufgrund von Fachwahl oder Nichtteilnahme ihrer Hochschule beim Deutschlandstipendium nicht als Stipendiaten für ihre Leistung belohnt wurden.

Denn eines sollte nach wie vor klar sein: Ein/-e Studienabsolvent/-in ist auch dann wertvoll für die Gesellschaft, wenn sein/ihr Studiengang nicht ins “Förderschema” der Unternehmen passt. Weder kann BaFöG Stipendien ersetzen noch können Stipendien BaFöG überflüssig machen.

Wird denen gegeben, die schon haben?!

Sehr viel schwieriger erscheint es zu klären, ob mit dem Deutschland-Stipendium in Zukunft vor allem diejenigen bedacht werden, die ohnehin aus gesicherten materiellen und bildungsbürgerlichen Verhältnissen stammen.

Dieser Aussage zuzustimmen liegt zunächst einmal nahe – schließlich stellen junge Menschen mit diesem Hintergrund eine überproportional große Mehrheit der Studierenden an den Hochschulen: 69 % von ihnen haben wenigstens einen Elternteil mit akademischer Ausbildung. Aufstieg durch Bildung ist in der EU statistisch kaum anderswo so schwer wie in Deutschland. Es müsste also mit dem Teufel zugehen, wenn das Deutschlandstipendium ausgerechnet an der Mehrheit der Studierenden aus gutsituierten Haushalten vorbeigeht.

Differenzierter wird das Bild, wenn man sich anschaut, welche Hochschulen beim Deutschlandstipendium besonders erfolgreich sind. Dass die Uni Mannheim einen Spitzenplatz bei der Einwerbung von Stipendien einnimmt, verwundert nicht. Auch der TU München oder der Frankfurter Goethe-Uni hat man hier große Erfolge zugetraut – aufgrund ihres Renommees und ihrer Lage in wirtschaftlich starken Regionen. Umso verwunderlicher ist es, dass eine Hochschule wie die Uni Hamburg sich nicht zu einer Teilnahme am Programm imstande sieht.

Liest man dagegen das Neueste zum Thema aus Hochschulen wie der Uni Duisburg-Essen oder der Hochschule für nachhaltige Enwicklung Eberswalde, darf man erstaunt sein. So hat die kleine Hochschule in der brandenburgischen Provinz ihr Kontingent bereits auf Jahre im Voraus eingeworben. Professor Radtke, Rektor der Uni Duisburg-Essen im wirtschaftlich gebeutelten Ruhrgebiet, kann mit 377 eingeworbenen Stipendien hohe Ansprüche untermauern: “Die Uni Duisburg-Essen betrachtet das Deutschland-Stipendium auch als effektives Hochschul-Marketing. Damit gelingt es uns, gute Studenten an die Uni zu holen – und diese dann auch hier zu halten.”

Auch in Sachsen hat man im Wissenschaftsministerium erkannt, dass mit dem Deutschlandstipendium Fachkräfte angeworben und gebunden werden können – auch über ihre Hochschullaufbahn hinaus. Hier haben es u.a. die TU Freiberg und die Hochschule Mittweida 2011 geschafft, ihr Kontingent voll auszuschöpfen – der Uni Leipzig hingegen ist das nicht gelungen.

Apropos Kontingent: Etwa die Hälfte der Mittel, die das BMBF für das Deutschlandstipendium bereithält, verfällt – weil viele Hochschulen es nicht schaffen, die Stipendien zu akquirieren oder erst gar nicht teilnehmen.

Das ist schade. Denn wenn man sich anschaut, welche Hochschulen sich besonders erfolgreich bemühen und mit welcher Motivation sie es tun, kann man erkennen: Mit einer cleveren Hochschulwahl kann jede und jeder in den Genuss eines Stipendiums kommen, egal aus welchem Elternhaus. Denn Studierende aus wohlhabenden Elternhäusern studieren oft an Hochschulen, die in ihren Augen ein besonders hohes Renommee ausstrahlen. Eine wesentlicher Indikator dabei ist die Postion der Hochschule in den einschlägigen Rankings. Das heißt jedoch noch lange nicht, dass diese Hochschulen sich intensiv um die Anwerbung von Stipendien bemühen oder besondere Energie in ein transparentes Auswahlverfahren stecken.

An den Hochschulen in Mittweida, Eberswalde oder Duisburg kann die Chance auf ein Deutschlandstipendium deutlich höher sein als in Berlin oder Hamburg. Die Förderung von Studierenden dieser Hochschulen durch die Unternehmen honoriert neben den Stipendiaten auch die Ausbildungsleistung dieser Hochschulen – und das kann im besten Fall eine Einladung an Studieninteressierte sein.

Umso bedauerlicher ist allerdings, dass die Gesamtzahl der Stipendien je Hochschule durch ein Kontingent gedeckelt ist, das sich an der Anzahl der Studierenden orientiert. Das ist sicher nett gemeint – sollen doch die “Großen” den “Kleinen” nicht alles wegnehmen.

Die Praxis zeigt aber, dass es dazu bislang gar nicht kommt. Wenn einige Hochschulen wie die Uni Hamburg, die Uni Flensburg oder die Uni Lübeck nicht beim Deutschlandstipendium mitmachen, dann erscheint das weniger eine Frage des Könnnens als eine des Wollens.

Marketinginstrument Deutschlandstipendium

Aktuell sind Hochschulen jeder Größe und Region beim Wettbewerb um Förderer erfolgreich. Dafür brauchen sie ein attraktives Studienangebot und Studierende, die aufgrund ihrer Persönlichkeit und ihrer Studienleistungen für ein Stipendium infrage kommen. Bei ihrer Anwerbung kann, wie Rektor Radtke von der Uni Duisburg-Essen sagt, das Deutschlandstipendium ein wichtiges Argument sein.

Die Hochschulwebsite kann dabei in zweierlei Hinsicht nützlich sein:

  • indem sie (potenzielle) Förderer anspricht, sich zu engagieren oder ihr Engagement zu erweitern.
  • indem sie Studieninteressierten ihre Verbundenheit mit Förderern verdeutlicht und Wege aufzeigt, an eines der Stipendien zu kommen. So wird manche Hochschule möglicherweise für leistungsstarke Studieninteressierte attraktiv, die vorher kaum wahrgenommen wurde.

Wenn Stipendiaten sich als Testimonials vorstellen und man sie kontaktieren kann, wenn die Hochschule ihren Auswahlprozess transparent darlegt und die Leistungen ihrer Studierenden zu tragenden Säulen ihrer Außendarstellung macht, spricht das Förderer und Studieninteressierte gleichermaßen an. Denkbar sind Microsites über Förderer und Stipendiaten, die Interaktivität ermöglichen, anschaulich gestaltete Rubriken zum Thema Stipendien oder auch Kollaborationstools zur Erarbeitung eines möglichst transparenten und leistungsgerechten Auswahlverfahrens.

Damit das Deutschlandstipendium ein Erfolg wird, muss es für die Hochschulen als Marketinginstrument einsetzbar sein. Dafür sollten sie so viele Stipendien anbieten dürfen, wie sie Förderer gewinnen.

Profitieren können davon sowohl Studierende in Frankfurt, München und Mannheim als auch in Mittweida, Eberswalde und Duisburg – und an vielen anderen engagierten, gut vernetzten Hochschulen. Kontingentierung nützt letztendlich nur den Hochschulen, die gar nicht oder halbherzig beim Deutschlandstipendium mitmachen. Und nichts steht dem Leistungsgedanken des Deutschlandstipendiums mehr entgegen, als eine Belohnung fürs Nichtstun.

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