Auf dem Weg zur individuellen Hochschulwebsite?!

Wer Webanwendungen gleich welcher Art und welches Themas gestaltet und dabei anstrebt, ihre Benutzung möglichst leicht erlernbar zu machen, befindet sich auf einem Irrweg. Etwa so lässt sich eine der wichtigsten Diskussionen der letzten – mindestens – fünf Jahre in der Forschung auf dem Gebiet der Mensch-Computer-Interaktion zusammenfassen.

Anspruch an die (Hochschul)website: Intuitive Bedienbarkeit

Die Währung, die als Indikator für die Leichtigkeit des Umgangs mit einem User Interface gewählt wird, lautet “Intuition” oder auch “intuitive Bedienbarkeit”. Was ist darunter zu verstehen?

Die IUUI Research Group (IUUI: “Intuitive Use of User Interfaces”), ein Zusammenschluss namhafter Wissenschaftler/-innen aus der User Experience Forschung, hat in mehreren Workshops diese Definition erarbeitet:

“Ein technisches System [Anm.: Dazu gehören auch Webanwendungen] ist im Rahmen einer Aufgabenstellung in dem Maße intuitiv bedienbar, in dem der jeweilige Benutzer durch unbewusste Anwendung von Vorwissen effektiv interagieren kann.”

“Durch unbewusste Anwendung von Vorwissen” … aha … und was soll das jetzt heißen? Der Titel des Buchs von Steve Krug bringt es auf den Punkt: “Don’t Make Me Think! Web Usability – Das intuitive Web”. Menschen sind bestrebt, sich so wenig Gedanken wie möglich zu machen bei der Benutzung einer Webanwendung. Dies ist dann der Fall, wenn die Nutzer-/innen mit den erforderlichen Handlungen zur Benutzung der Anwendung in einem hohen Maß bereits vertraut sind. So können sie sich schnell orientieren und das gewünschte Ergebnis erzielen. Nur durch Rückgriff auf den eigenen Erfahrungsschatz ist es Menschen möglich, mit einer Vielzahl auf sie einwirkenden Eindrücken umzugehen, ohne dabei überfordert zu werden. Vergangene Erfahrungen helfen, unbewusst zwischen Relevantem und Unrelevanten zu unterscheiden.

Dies gilt für die alltäglichen Berührungspunkte mit der Umwelt im Allgemeinen und für die Interaktion mit einer Webanwendung im Besonderen. Eine als unangemessen empfundene kognitive Belastung führt in der Regel dazu, dass die Interaktion durch den/die Nutzer/-in beendet und versucht wird, das Interaktionsziel auf andere Weise (meist mit einer anderen Webanwendung) zu erreichen.

Hochschulwebsites sind auf vielfältige Weise bestrebt, Nutzern/-innen ein intuitives Nutzungserlebnis zu verschaffen. Wichtige Features sind hierbei etwa:

  • Eine komfortable Suche: Vollständige Indizierung von öffentlich zugänglichen Inhalten, Funktionalitäten des Sucheingabefelds wie Auto-Korrektur oder Berücksichtigung von Wildcards oder Auto-Suggest-Funktion, ein komplexer mehrdimensionaler Algorithmus zur Berechnung der Suchergebnisse sowie Filter und verschiedene Darstellungsvarianten der Ergebnislisten. Diejenigen, die schon genau wissen, wonach sie suchen, erhalten so schnell eine Antwort.
  • Einhaltung von Konventionen der ergonomischen Website-Gestaltung, wie etwa konsistenter Platzierung von Navigationsfläche, Logo und Claim sowie stets Verlinkung des Logos zur Startseite, und logischer Aufbau von komplexen Dialogen wie der Online-Bewerbung. Mehr dazu hier.
  • Bereitstellung von Rich-Media-Content zur anschaulichen Präsentation von Hochschule, Hochschulort und ihren Vertretern/-innen: Als Anstoß eines Entscheidungsprozesses von großer Tragweite wie für ein Studienfach oder einen Hochschulort nutzen Studieninteressierte gerne Videos, Bildergalerien, Podcasts und virtuelle Rundgänge durch Hochschulen oder auch Self-Assessments mit all diesen Features.

Besonders hervorzuheben ist die zielgruppengerechte Strukturierung von Inhalten einer Hochschulwebsite. Denn Hochschulen interagieren mit zahlreichen Anspruchsgruppen. Ob Studierende, Studieninteressierte, Mitarbeiter/-innen, Pressevertreter/-innen, Unternehmen – alle wollen auf der Website möglichst schnell die für sie relevanten Inhalte finden. (vgl. u.A. Trogele, Ulrich 1997: Strategisches Marketing für deutsche Universitäten. Frankfurt / Main und Langer, Markus / Beckmann, Julia. in: Rödiger Voss (Hrsg.): Hochschulmarketing (2., völlig überarbeitete Auflage) aus der Reihe Wissenschafts- und Hochschulmanagement, Bd. 5, Josef Eul Verlag GmbH, Lohmar-Köln, 2009, S. 63-91)

Schneller Zugang zu relevanten Informationen: Zielgruppenzugänge

Wird dies durch Übersichtsseiten mit gegliederten Listen von Quicklinks oder Teasern ermöglicht, die auf die wichtigsten Detailseiten verweisen, spricht man von Zielgruppenzugängen. Ein anschauliches Beispiel hierfür ist der Webauftritt der Uni Greifswald, dort wird metaphorisch von “Wegweisern” gesprochen. Im Zielgruppenzugang für Studieninteressierte etwa stehen thematisch geordnete Quicklinks zu “Fächern und Studiengängen”, “Information und Beratung”, “Bewerbung und Einschreibung” sowie “Wohnen und Soziales”. Die Zielgruppenzugänge sind auf jeder Seite des Webauftritts prominent im Header verlinkt, so dass sie als Ankerpunkt jederzeit genutzt werden können.

Der Informationszugang für die Zielgruppe "Studieninteressierte"

Der Wegweiser für Studieninteressierte der Uni Greifswald

Zielgruppengerechte Hierarchie

Wenn sich die hierarchische Hauptnavigation an Zielgruppen orientiert, fällt das Navigieren auf der Hochschulwebsite denjenigen Nutzern/-innen besonders leicht, die sich klar einer der Zielgruppen zuordnen können. Sie finden in der Regel alle für sie relevanten Informationen in einer Hauptnavigationsrubrik. Seiten werden gegebenenfalls in mehreren Rubriken redundant angeboten, wenn sie für mehrere Zielgruppen relevant erscheinen.

Im besten Fall werden die Inhalte jedoch versioniert, d.h.: strukturell und stilistisch angepasst, auch wenn die Seiten das gleiche Thema behandeln. Denn Texte, verwandte Links, Bebilderung und Downloads sollten sich stets an die – höchstwahrscheinlich – nicht identischen Bedürfnisse jeder Zielgruppe anpassen.

Mit einer zielgruppenorientierten Hierarchie haben u.A. die Hochschule München und die HTWK Leipzig ihre Webauftritte strukturiert (wobei letztere darüber hinaus themenbezogene Hauptnavigationsrubriken anbietet).

Maßgeblich für das Nutzererlebnis auf der Website der Hochschule München ist die Adaptionsfähigkeit: Nutzer/-innen können jederzeit entscheiden, ob sie sich segmentieren wollen, indem sie die Checkbox “Studieninteressierte/-r” oder “Studierende/-r” aktivieren oder deaktivieren. Bei aktivierter Checkbox werden nur die Bereiche des Webauftritts zugänglich gemacht, die von den Autoren als relevant für die entsprechende Zielgruppe gelabelt worden sind. Ohne Aktivierung einer Checkbox werden den Nutzern/-innen Navigationspunkte zu allen Seiten des Webauftritts angeboten.

Adaptives Nutzungserlebnis für Studieninteressierte

Die Website der Hochschule München, der Zielgruppenfilter für "Studieninteressierte" ist aktiviert

Personalisierte Ansprache von Studierenden

Für Studienanfänger/-innen ist es ein Eckpfeiler der Einführungswoche, danach meist einige Zeit ein undurchschaubares Geflecht von Kursen, Aufgaben und Fachforen und schlussendlich ein mehr oder weniger willkommener alltäglicher Begleiter im Uni-Alltag: Die eLearning-Plattform mit diversen Social-Intranet-Funktionen. (Bekannte Anbieter der entsprechenden Software-Lösungen sind beispielsweise Stud.IP, Moodle oder Blackboard. Bald neu auf den Markt wird die Plattform iversity kommen.) Man erstellt den Stundenplan, meldet sich zu Prüfungen an und ab, bucht einen Termin in der Sprechstunde der Professoren/-innen, tauscht Mitschriften aus Vorlesungen mit Kommilitonen/-innen aus, reicht schriftliche Arbeiten ein und schließt sich zu Arbeits- und Interessengruppen zusammen. Jede/-r Nutzer/-in erstellt ein individuelles Profil, ähnlich wie in allgemein zugänglichen Sozialen Netzwerken.

An der TU Braunschweig wird Stud.IP mit der eigenentwickelten Plattform “TUgether” kombiniert, die das Ziel hat, einen “lebendigen und vielfältigen Online-Campus zu schaffen”. TUgether bietet schnellen Zugriff auf redaktionierte Inhalte des TU-Webauftritts, Blogs und Foren zum Unileben jenseits der Lehrveranstaltungen – also etwa Mensaplan, Bibliothek, Freizeitgestaltung, Wohnungs- und Jobsuche. Darüber hinaus können zahlreiche externe Services wie Facebook, FlickR, Wikipedia oder aber die Newsfeeds verschiedener Fakultäten eingebunden werden, zur individuellen Konfiguration als Portlets bereitgestellt. Der Nutzen von TUgether besteht also in einer Bündelung bestehender Informationsquellen sowie ihrer Individualisierung: Jede/-r Nutzer/-in konfiguriert sich seinen/ihren Bereich nach Bedarf und hat so schnellen Zugriff auf relevante Inhalte.

Personalisierte Ansprache von Studieninteressierten

Für ein auf individuelle Bedürfnisse abgestimmtes Nutzererlebnis ist das Bewerberportal “Ich will wissen” der Martin-Luther-Universität in Halle ein anschauliches Beispiel.

Auf dem Portal kann man sich allgemein über den Sinn und Zweck des Studiums, die Martin-Luther-Universität, das Studierendenleben in Halle und natürlich die zahlreichen Fächerangebote informieren. Für Letzteres zeichnen die “Studienbotschafter/-innen” verantwortlich: Hallesche Studierende verschiedener Fachrichtungen, die über ihr Studium und ihr Leben in Halle berichten – in Interviews, Blogs und zu vorher angekündigten Zeiten sogar im Chat.

Individuell wird das Nutzungserlebnis, sobald man durch diese Informationen “auf den Geschmack” gekommen ist: Man wählt im persönlichen Bereich Studienrichtungen aus, die infrage kommen und gibt sein Alter / Abi-Jahrgang an. Anschließend werden die Informationen in der Hauptnavigationsrubrik “Deine Seite” individuell auf die bevorzugten Studienrichtungen und den Status abgestimmt (z.B. Nutzer/-in steht kurz vor dem Abitur oder ist noch ein paar Jahre entfernt vom Studium, Nutzer/-in ist bereits berufstätig), inklusive News und Kulturtipps. Bei ausdrücklichem Einverständnis erhalten die Registrierten darüber hinaus einen ebenso personalisierten Newsletter.

Persönlicher Bereich des Bewerber/-innenportals von "Ich will wissen"

Persönlicher Bereich bei "Ich will wissen", dem Kampagnenportal für Studieninteressierte und ihr Umfeld von der Uni Halle

Mittlerweile richtet sich “Ich will wissen” übrigens nicht mehr nur an Studieninteressierte, sondern auch an deren Umfeld: Auch für Lehrer/-innen, Eltern und Berufsinformationszentren werden Informationen bedarfsgemäß in Zielgruppenbereichen aufbereitet.

Wohin geht die Entwicklung?

Im Web lassen sich zwei Trends erkennen:

In Umfeldern wie etwa Shopping-Plattformen, ist individuelle Ansprache durch adaptive oder adaptionsfähige Webanwendungen längst gängige Praxis. Amazon weiß, welche Bücher, Songs und Videos eine/n Nutzer/-in interessieren könnten. Wenn man sich bei Cyberport oder Logitel ein Produkt anschaut, ohne es zu kaufen, wird einem durch Retargeting in den Tagen danach themenverwandte Werbung eben dieser Shops angezeigt – zumindest dann, wenn man stets den gleichen Rechner nutzt, auf dem die dafür notwendigen Daten in Cookies gespeichert worden sind.

Eine weitere Entwicklung hin zu individualisierten Nutzererlebnissen sind semantische Anwendungen. Diese können durch entwicklungsfähige Wissensmodelle anhand des Verhaltens erkennen, welches Ziel ein/e Nutzer/-in verfolgt und die entsprechende Information bereitstellen. Ein Beispiel ist der FAQ-Bereich im Geschäftskunden-Portal der Telekom Deutschland GmbH. Dieser ist in der Lage, natürlichsprachige Eingaben zu interpretieren – hier bevorzugt in Frageform. So können auch als thematisch relevant identifizierte Ergebnisse angezeigt werden, die keines der Wörter aus der Sucheingabe enthalten.

Das große “Aber”

Cookies, die dafür sorgen, dass Nutzer/-innen beim nächsten Besuch der Hochschulwebsite zum Start auf die von ihnen als Favorit gebookmarkten Seite geleitet werden oder Retargeting von Studieninteressierten, die eine Hochschulwebsite oder Kampagnenseite des Hochschulmarketings besuchen, mögen im ersten Moment hoch attraktiv klingen.

Man darf jedoch skeptisch sein, ob die Datenschutzbeauftragten zumindest an öffentlichen Hochschulen derartigen Maßnahmen zustimmen würden. Mit gutem Grund: Öffentliche Einrichtungen dürfen nur unter strengen Voraussetzungen Nutzungsdaten ihrer Website so auswerten, dass personenbezogene Rückschlüsse möglich sind. Eine solche Voraussetzung erfüllt beispielsweise die per Double-Opt-In-Verfahren bestätigte Registrierung in einem passwortgeschützten Portal. Dort ist individuelle Ansprache nicht nur gestattet, sondern dringend angeraten. Schließlich registriert man sich mit der Erwartung, dass alle im Portal angebotenen Informationen auch wirklich relevant für einen sind.

Welche Veränderungen der gesetzlichen Bestimmungen sich durch den Shift zur mobilen Internetnutzung und die resultierenden Lokalisierungsmöglichkeiten von Nutzern/-innen ergeben, ist im Moment noch schwer abzusehen.

Ein Ausblick

Wenn Studieninteressierte in Zukunft auf Hochschulwebauftritten unterwegs sind, gilt angesichts der vielfältigen Möglichkeiten individueller Ansprache umso mehr: Für die Nutzer/-innen ist Relevanz das oberste Gebot.

Hierbei helfen:

  • Zielgruppenzugänge,
  • zielgruppenorientierte Hierarchien,
  • Versionierung und Labelling von Inhalten,
  • auf Marketing-Kampagnen im WWW (Displaywerbung, Online-PR, SEA) abgestimmte Landing Pages,
  • semantische Anwendungen,
  • Passwortgeschützte Portale für Bewerber/-innen und Studierende, auf denen individuelle Ansprache anhand der Informationen aus den Nutzerprofilen erfolgen kann,
  • eventuell in der Zukunft auch adaptive öffentlich zugängliche Bereiche von Webauftritten, die Inhalt und Navigation dynamisch aufgrund von Nutzerverhalten ausspielen.

Vor allem aber:

  • Einbeziehung der Wünsche von den Zielgruppen in die Aufbereitung der Inhalte, die Oberflächengestaltung und die Informationsarchitektur des Hochschulwebauftritts – wie etwa geschehen beim Relaunch der Präsenz der Uni Kassel. Denn niemand weiß besser, was er/sie braucht als die letztendlichen Nutzer/-innen.

Für Hochschulen geht es darum, auf der Grundlage aufschlussreicher Informationen zur Gestaltung ihres Webauftritts eine ideale Kombination aus den verschiedenen Möglichkeiten zu wählen und dabei den Datenschutzanforderungen Rechnung zu tragen. Persönliche Ansprache mittels personenbezogener Daten sollte nur in passwortgeschützten Portalen nach Einwilligung der Nutzer/-innen per Double-Opt-In-Verfahren erfolgen.

Auch “alte Hüte” bei der Verbesserung der Usability wie Folksonomies (Tagging) und verständliche Benamung von Navigationspunkten sind und bleiben nützlich. Dass darüber hinaus an sorgfältig erstellten und gepflegten Inhalten, das Vorstellungsvermögen stimulierendem Rich-Media-Content, pfiffigen Ideen zur Förderung von Interaktivität und unmittelbarer Ansprechbarkeit der auf der Website genannten Kontaktpersonen kein Weg vorbei führt, versteht sich von selbst …

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